{"id":833,"date":"2014-07-08T11:14:20","date_gmt":"2014-07-08T09:14:20","guid":{"rendered":"http:\/\/femarburg.de\/?page_id=833"},"modified":"2021-02-18T19:35:37","modified_gmt":"2021-02-18T18:35:37","slug":"selbstverstaendnis","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/femarburg.de\/?page_id=833","title":{"rendered":"Selbstverst\u00e4ndnis"},"content":{"rendered":"<p>Die Initiative umfasst Mitglieder am&nbsp;<em>Zentrum f\u00fcr Gender Studies und feministische Zukunftsforschung<\/em>&nbsp;und feministisch interessierte Mitarbeiter*innen der Phillips-Universit\u00e4t Marburg.<\/p>\n<p>Anf\u00e4nglich als Projekt einer wissenschaftlichen E-Zeitschrift geplant, haben wir uns in der Konzeptionsphase angesichts oft&nbsp;<a href=\"http:\/\/hilfskraftinitiative.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">kurzer Vertragslaufzeiten und hoher Arbeitsbelastung des Mittelbaus<\/a>&nbsp;schnell f\u00fcr die flexiblere Variante der Online-Plattform entschieden, die aber auch neue R\u00e4ume f\u00fcr Vernetzung und \u00d6ffentlichkeit bietet.<\/p>\n<p><strong>Was verstehen wir unter Feminismus?<\/strong><br \/>\n<strong>Zum Selbstverst\u00e4ndnis des feministischen Plattform Marburg (feMarburg)<\/strong><\/p>\n<p>FeMarburg will hegemoniale gesellschaftliche, politische und \u00f6konomische Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse sowie soziale Kategorie(sierunge)n kritisch-feministisch hinterfragen und Alternativen andenken und<br \/>\npolitisch handlungsf\u00e4hig bleiben. Vorherrschende Geschlechterhierarchien und vergeschlechtlichte Normen aufzuzeigen und zu durchbrechen ist dabei eines unserer Hauptanliegen.<\/p>\n<p>Wir werden heute noch immer auf Grund der gesellschaftlich platzanweisenden Kategorie \u201eGeschlecht\u201c und den damit verflochtenen Kategorien wie Race, Class und (Dis)Ability klassifiziert. Diese Identit\u00e4tszuweisungen und darauf gr\u00fcndende Ausschlussmechanismen legitimieren Ungleichheiten und Benachteiligungen, und verhindern ein selbstbestimmtes Leben und die M\u00f6glichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe.<\/p>\n<p>Im Rahmen unserer Arbeit und in unserem politischen Engagement sind diese gesellschaftlichen Strukturkategorien sowohl Ankn\u00fcpfungspunkt als auch Gegenstand der Kritik. Unser feministischer Anspruch, bestehende Verh\u00e4ltnisse zu ver\u00e4ndern, richtet sich nicht nur auf die Situation von Frauen*, sondern ist f\u00fcr uns ein gesamtgesellschaftlicher Anspruch. Patriarchale und heteronormative Strukturen schaffen Privilegien und Diskriminierungen, f\u00fcr die eine mehr, f\u00fcr den anderen weniger. Sie stellen jedoch in jedem Fall hierarchische Ungleichheiten her.<\/p>\n<p>Diese gesellschaftlichen Kategorien sind nicht nur verantwortlich f\u00fcr die (Un-)M\u00f6glichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe. Sie dringen au\u00dferdem bis in die scheinbar individuelle Sph\u00e4re unserer Subjekt- und K\u00f6rpervorstellungen vor. Wie wir uns selbst empfinden und denken, findet sich zum Beispiel wieder in einem vereindeutigenden Unterschied zwischen Mann und Frau, der mitunter biologisch begr\u00fcndet wird. In diesem Zusammenhang ist es unser Anspruch, vermeintliche Wahrheiten wie Heteronormativit\u00e4t oder Zweigeschlechtlichkeit, die strukturell und diskursiv hergestellt werden, nicht zu reproduzieren, sondern sichtbar und damit hinterfragbar sowie gelebte Diversit\u00e4t erfahrbar zu machen.<\/p>\n<p>So sehr wir diese Kategorien auch zur\u00fcckweisen und aufzubrechen suchen, sind wir doch darauf zur\u00fcckgeworfen, uns auf sie als Basis unseres Denkens zu beziehen und als Mittel unseres Handelns zu gebrauchen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: feministische M\u00e4dchenarbeit kommt nicht darum herum, in ihrer Arbeit die Kategorien \u201aFrauen\/M\u00e4dchen\u2019 beim Namen zu nennen, um M\u00e4dchen* zu bem\u00e4chtigen und Ungleichheitserfahrungen aufzuzeigen. Damit wird die identit\u00e4tsstiftende Kategorie \u201aFrauen\/M\u00e4dchen\u2019 jedoch auch immer wieder neu hergestellt, w\u00e4hrend es gleichzeitig Anspruch feministischer M\u00e4dchenarbeit ist, dominante M\u00e4dchenbilder und Zuschreibungen kritisch zu hinterfragen und Raum f\u00fcr vielf\u00e4ltige Identitifizierungen zu schaffen. Wir bewegen uns folglich in einem Spannungsfeld zwischen Prozessen der (De-)Konstruktion gesellschaftlicher Kategorien sowie Denk- und Handlungsaspekten der Antidiskriminierung. Damit verorten wir uns als feMarburg ganz bewusst in einem \u201efeministischen Paradox\u201c[1].<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist es unser Anliegen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse intersektional zu denken. Wir gehen davon aus, dass die Erfahrung von vergeschlechtlichten Subjekten von anderen Dimensionen der Subjektivierung gepr\u00e4gt ist, wie \u201enatio-ethno-kulturelle\u201c und soziale Herkunft, Klassenzugeh\u00f6rigkeit, Alter, sexuelle Orientierung\/Begehren, K\u00f6rper und das Leben mit einer Beeintr\u00e4chtigung\/Behinderung. Es ist uns wichtig, zahlreiche gesellschaftliche Strukturkategorien und Diskrimierungsverh\u00e4ltnisse und deren spezifische Wechselwirkungen sowie Verflechtungen in den Blick zu nehmen.<\/p>\n<p>In der Geschichte wurden Ausgrenzungsmechanismen, die \u00fcber die gesellschaftliche Strukturkategorie Geschlecht hinaus weisen, immer wieder von feministischen Bewegungen aufgezeigt. Das schloss auch ein, die Ausrichtung feministischer Str\u00f6mungen selbst zu kritisieren.<\/p>\n<p>In einer ersten Welle gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Fokus von Rechten und b\u00fcrgerlichen Freiheiten f\u00fcr Frauen in Zentraleuropa von marxistischen Frauen als nicht ausreichend benannt. Vergeschlechtlichte Arbeitsteilung, Reproduktionst\u00e4tigkeit als Privatsache und \u00f6konomische Grundlagen geschlechtlicher Diskriminierung wurden Teil feministischer Kritik und K\u00e4mpfe und fanden Eingang als feministische Analysekategorien. Die feministischen Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre in den USA musste sich mit dem Vorwurf Schwarzer Feministinnen auseinandersetzen, ein hegemonialer Wei\u00dfer Mittelschichtsfeminismus zu sein und damit die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse zwischen Wei\u00dfen und Schwarzen Frauen zu reproduzieren. Die Kritik der Schwarzen FrauenLesben[2] war auch ein Ansatzpunkt im Bundesdeutschen Kontext sp\u00e4testens seit den 1980er Jahren Diskussionen \u00fcber die gedankliche Gleichsetzung von Frau = heterosexuell anzusto\u00dfen und damit dem Einschluss von FrauenLesben Vorschub zu leisten. Der Ausschluss (der Perspektive) von Frauen mit Behinderungen wurde mit der Auseinandersetzung behinderter Frauen im Rahmen der Kr\u00fcppelbewegung[3] deutlich.<\/p>\n<p>Solche und andere Interventionen haben die feministische Kritik und Analyse auf produktive Weise vorangetrieben. Wir m\u00f6chten mit dem Projekt feMarburg dazu beitragen, die kontinuierliche Hinterfragung von Herrschaftsverh\u00e4ltnissen aufrecht zu erhalten und sehen uns in der Tradition jener, die beharrlich f\u00fcr die Ber\u00fccksichtigung der Strukturkategorien race, class, (dis)ability und Sexualit\u00e4t\/Begehren in die feminstischen Theorien und Politiken k\u00e4mpf(t)en.<\/p>\n<p>Nicht alle aktuellen Entwicklungen von Feminismen tragen allerdings dazu bei, dass ein emanzipatorischer Charakter bestehen bleibt. Insbesondere der neoliberalen Vereinnahmung feministischer Ideen \u2013 etwa mit ausschlie\u00dflichem Fokus auf Karrierechancen einiger weniger Frauen &#8211; wollen wir etwas entgegensetzen. Feminismus bleibt nach wie vor ein umk\u00e4mpftes Feld.<\/p>\n<p>Feminismus, wie wir ihn verstehen, ist ein unabschlie\u00dfbares Projekt, dessen innere und \u00e4u\u00dfere Grenzen immer wieder neu ausgelotet und kritisch reflektiert werden m\u00fcssen. Von Bedeutung erscheint uns bei diesem Vorhaben die Reflexion der Selbstverortung und ein bewusster Umgang mit der eigenen (Sprecher_*innen-)Position. Auch auf diese Weise lassen sich gesellschaftliche Diskriminierungsmechanismen \u2013 nicht zuletzt die eigenen \u2013 erkennen und aufbrechen, mit dem Ziel die gesellschaftliche Teilhabe aller selbstbestimmt zu gestalten &#8211; mit der Utopie einer anders strukturierten Gesellschaft.<\/p>\n<p>[1]: Wir handhaben das \u201efeministische Paradox\u201c wie folgt: \u201eWir nutzen die strukturelle Perspektive f\u00fcr das Erkennen und Kritisieren von Benachteiligungen und Privilegien [&#8230;] Die dekonstruktive Perspektive wenden wir an, um die Vielfalt, Widerspr\u00fcchlichkeit, Ver\u00e4nderlichkeit und Br\u00fcche gelebter Realit\u00e4ten wahrzunehmen und zu f\u00f6rdern sowie Normierungen zu irritieren\u201c (Reader geschlechterreflektierende Bildungsarbeit, DGB 2011, S. 25).<\/p>\n<p>[2]: durch das Combahee River Collective (1982): A Black Feminist Statement. In: Hull, Gloria T.; Scott, Patricia Bell; Smith, Barbara (eds): But Some of Us Are Brave. Black Women&#8217;s Studies.<\/p>\n<p>[3]: Ab den 1970er Jahren gr\u00fcndeten sich in Deutschland Kr\u00fcppelgruppen, die zum Ziel hatten Rechte auf Selbstbestimmung, Beteiligung und Gleichstellung einzuklagen. Mit der Bezeichnung &#8222;Kr\u00fcppel&#8220;, die in erster Linie eine Provokation war und auf eine scheinheilige Verschleierung von Diskriminierung, Aussonderung und Verbesonderung hinweisen sollte, war es m\u00f6glich auch eine emanzipative Selbstbezeichnung zu initiieren. Frauen dieser Kr\u00fcppelgruppen stellten fest: &#8222;Als Frauen trifft uns die patriarchale Unterdr\u00fcckung \u00e4hnlich wie nichtbehinderte Frauen&#8220;. In erster Linie war jedoch der als defizit\u00e4r wahrgenommene K\u00f6rper Ausgangspunkt jeglicher Betrachtung, sodass sie eher als sexual- und geschlechtsloses Wesen angesprochen wurden. Boll, Degener und Hermes (1985) schreiben: &#8222;Wir Kr\u00fcppelfrauen sind Frauen, die behindert sind, wir werden aber als Behinderte behandelt, die nebenbei weiblich sind.&#8220; (Herv. im Org.) Boll, Silke; Degener, Theresia; Ewinkel, Carola; Hermes, Gisela; u.a. (19885): Geschlecht: Behindert Besonderes Merkmal: Frau. AG Spak. M\u00fcnchen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Initiative umfasst Mitglieder am&nbsp;Zentrum f\u00fcr Gender Studies und feministische Zukunftsforschung&nbsp;und feministisch interessierte Mitarbeiter*innen der Phillips-Universit\u00e4t Marburg. Anf\u00e4nglich als Projekt einer wissenschaftlichen E-Zeitschrift geplant, haben wir uns in der Konzeptionsphase angesichts oft&nbsp;kurzer Vertragslaufzeiten und hoher Arbeitsbelastung des Mittelbaus&nbsp;schnell f\u00fcr die flexiblere Variante der Online-Plattform entschieden, die aber auch neue R\u00e4ume f\u00fcr Vernetzung und \u00d6ffentlichkeit bietet. 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